Rückblick: Gottesdienst am 31.1.2021

Popgottesdienst  mit Corinna May und Band Halbelf (Ltg. Gerd Schulz); Film von Heiner Heinemann (Video Factory)

Predigt von Pastor Volker Keller: Ich heiße Kerstin: Als ich schwach war, war ich stark

Glaube

Pastor Ronald Herr

Das Thema des Sonntags Judika  ist „Der wahre Hoherpriester“ – nach der Sonntagsepistel aus Herbräer 5. Dazu ein paar Erläuterugen

Die Amtsbezeichnung „Priester“ ist religionsgeschichtlich eng verbunden mit der Darbringung von Opfern. „Hoherpriester“ ist dementsprechend die leitendende Person der Priesterschaft.

Im Judentum des Alten Testaments spielte die Darbringung vom Tieropfern eine ganz wesentliche Rolle. Nach seiner Erbauung in Jerusalem durch Salomon (962-955 vor Christus), wurde der Tempel das Zentrum des Opferkultus.

Der Tempel war zudem das Zentrum des täglichen religiösen Lebens. Er war dreigeteilt in Vorhof, Heiligtum und Allerheiligstes. Der Vorhof (oder besser Vorplatz) und der große Raum des Heiligtums waren täglich sehr belebt. Dort traf man sich, dort diskutierte man (Pharisäer, Sadduzäer, Schriftgelehrte u.a. – vgl. Lukas 2,41ff), dort trieb man auch Handel (vgl. Matthäus 21,12ff). Und dort übergab man den Priestern die Opfergaben, damit sie sie auf den Opferaltären Gott darbrächten. So auch noch zu Jesu Zeiten (Lukas 2,22ff).

Wie weit dabei noch zwischen Vorhof und Heiligtum differenziert wurde, lässt sich aus der Bibel nicht eindeutig ersehen. Aber das „Allerheiligste“ war nochmal vom Heiligtum durch einen Vorhang abgetrennt (vgl. Matthäus 27,52). Im „Allerheiligsten“ befand sich u.a. die „Bundeslade“ – ein größerer Behälter, in dem u.a. die Tafeln mit den 10 Geboten aufbewahrt wurden (vgl. 2. Mose 24,12ff). Diesen Ort durfte nur der Hohepriester einmal im Jahr betreten, um für das Volk zu opfern. Das Priesteramt – auch das des Hohenpriesters – war erblich. Bis heute weisen Familiennamen wie Cohen, Cohn, Kohn auf diese Wurzel hin.

In den Ortschaften hatten sich parallel dazu Synagogen gebildet, Orte an denen man zusammenkam und wo Rabbiner (Lehrer) die Schriften auslegten.

Der Tempelkult mit den Priestern kam schlagartig zum Erliegen, als im Jahre 70 die Römer Jerusalem und den Tempel zerstörten. Dank der Synagogen und des Rabbinats wurde aus der Kultreligion fast über Nacht eine reine Buchreligion mit der großen Flexibilität, sich der Zerstreuung des Volks über die ganze Welt anzupassen. Nur so konnte / kann das Judentum überleben.

Mag sein, dass heute konservative Juden in Israel davon träumen, den Tempel wiederaufzubauen. Aber das könnte nur auf dem Tempelberg in Jerusalem geschehen, und der ist von den Muslimen besetzt.

Die erste Christengemeinde in Jerusalem kam zunächst auch im Tempel zusammen (Apostelbeschichte 2,46), zumal sie sich nicht als neue Religion verstand, sondern als Bewegung innerhalb des Judentums. Aber es kam bald zu Verfolgungen durch das orthodoxe Judentum, sodass sich das Christentum fast zwangsläufig schnell ausbreitete und die Gemeinde in Jerusalem bald ihre zentrale Bedeutung verlor (Die Apostelgeschichte bietet viel Material dazu). Die sog. Judenchristen wurden zur Minorität – gerieten auch materiell in Not, sodass Paulus in den von ihm gegründeten Gemeinden für sie sammelte (2. Korinther 5).

In den christlichen Gemeinden las man zunächst sicher die Schriften des Alten Testaments, aber schon bald kamen Briefe der Apostel und anderer Personen (die nicht alle überliefert sind) dazu. Paulus begann um 40 die ersten Briefe zu schreiben (etwa 10 Jahre nach dem Tod Jesu). Das Christentum war also von Anfang an keine Kult- sondern eine Buchreligion.

Der Hebräerbrief ist nun ein einzigartiges Dokument. Der Verfasser ist unbekannt, und auch der Namen „An die Hebräer“ erscheint erst später. Der Verfasser scheint die Apostelgeschichte gekannt zu haben – d.h. er hat wahrscheinlich zwischen 80 und 90 geschrieben. Er hat jedenfalls eine große Kenntnis vom Judentum und greift jüdische Traditionen auf. Als Einziger von den Schreibern des Neuen Testament bezeichnet er Jesus als den „wahren Hohenpriester“ (Hebräer 5). Missionstheologisch gesehen ist das ein spannender Gedankengang, den man heute als Inkulturation bzw. Indigenisierung bezeichnen würde. Es sagt denen, deren Herz noch am Tempel hängt: „Ihr wisst doch vom Hohenpriester. Aber der konnte doch gar nicht leisten, was Ihr von ihm erwartet habt; denn er war – wie Ihr – auch ein Sünder, der auch für sich selbst opfern musste. Sein Dienst hatte also nur vorläufigen Charakter. Jesus Christus dagegen war ohne Sünde, und so konnte er sich selbst für Eure Sünde opfern, sodass es keiner weiteren Opfer und keines weiteren Hohenpriesters bedarf.“ Ich denke, dass diese Argumentation für die jungen Christen mit jüdischem Hintergrund sehr hilfreich war. Uns dagegen ist sie fremd, sodass wir weitere Erklärungen brauchen, um sie zu verstehen.

Dass in der katholischen Kirche Pastoren auch Priester genannt werden, ist für evangelische Christen schwer nachvollziehbar. Es liegt daran, dass in der katholischen Kirche der Opfergedanke weiterhin eine Rolle spielt: Gottesdienst und speziell das Abendmahl werden als Opfer verstanden, das Gott dargebracht wird. Und wie damals im Tempel zu Jerusalem sind dazu geweihte Priester erforderlich. So ist in der katholischen Kirche ein Stück von der Kultreligion erhalten geblieben, was einen gewissen Mangel an Flexibilität bewirkt, wenn es um die Durchführung der Gottesdienste geht.

Gegenwärtig spielt der Opferkult und damit das Priestertum in den asiatischen und afrikanischen Religionen eine bedeutende Rolle. In Afrika südlich der Sahara muss man wohl die sog. Medizinmänner / -frauen besser als Ahnenpriester / -priesterinnen bezeichnen, weil sie den Ahnen Opfer der Gläubigen darbringen. Und wer genau hinsieht, wird auch bei den afrikanischen, evangelischen Christen Ahnenopfer entdecken. Unsere verkopfte europäische Theologie hat bei ihnen den Opfergedanken nicht überwinden können, sondern ihn in den Untergrund gedrängt. Wie damit umzugehen ist, kann nur von der afrikanischen Pastorenschaft geklärt werden. In wie weit das Priestersein im Selbstverständnis afrikanischer evangelischer Pastoren eine unausgesprochene Rolle spielt, vermag ich nicht zu sagen.

Persönlich bin ich nur einmal als Priester bezeichnet worden, und was mir dort passiert ist, versuche ich heute noch zu begreifen. Jedenfalls hat es mir das Leben gerettet:

Von 1981 bis 1986 war Pastor in der südafrikanischen Kleinstadt Brits und u.a. verantwortlich für die in der „schwarzen“ Trabantenstadt (Lokation) lebenden evangelischen Christen. Politisch war die Situation hochbrisant, ein Pulverfass, das jederzeit explodieren konnte, weil die Apartheidsregierung eine Zwangsumsiedlung plante. An einem Sonntagnachmittag wollte ich noch kurz in die Lokation, in der wir als Weiße nicht wohnen durften, um einen Kirchenvorsteher zu besuchen. Ich war „zivil“ gekleidet, in Hemdsärmeln. Es war heiß, und ich hatte die Autofenster offen. Gleich hinter dem Bahndamm, der die Lokation vom weißen Stadtbezirk trennte, war eine Baracke, in der die Lokationsverwaltung untergebracht war. Als ich über den Bahndamm kam, fand ich vor der Baracke, wo die Straße eine steile Linkskurve machte, eine für einen Sonntagnachmittag eigenartig riesige Menschenmenge versammelt. Ich hatte das Gefühl, dass die Situation brenzlig sei. Ob es nun nicht anders ging, oder ob ich einfach naiv war, weiß ich nicht. Jedenfalls fuhr ich langsam auf die Menge zu. Plötzlich schrie jemand „Priest“. Das kam mir sehr eigenartig vor; denn gewohnt war ich das fröhliche „Ntate Moruti“ („Herr Pastor“) der Kinder. Aber nach diesem Ruf bildete die Menge eine Gasse für mich. Etliche verneigten sich grüßend. Ich winkte – wie der Papst persönlich – den Leuten zu und fuhr ungehindert weiter. Gleich danach machte die Straße eine steile Rechtskurve. Und wieder die gleiche Situation: Die Straße gesperrt von einer großen Menschenmenge. Und wieder schrie jemand „Priest“, wieder wurde eine Gasse gebildet, wieder grüßte man mich, und ich winkte zurück und fuhr ungehindert weiter. Als ich beim Kirchenvorsteher ankam, fragte er mich, ob ich lebensmüde sei und ob ich keine Augen im Kopf hätte. Dann deutete er auf brennende Autoreifen und Hütten und klärte mich auf, dass der ANC eine Großversammlung veranstaltete, wozu auch viele mit Bussen angereist waren. Er warnte mich, dass mein Leben als Weißer heute in der Lokation keinen Pfifferling wert sei und wies mich an, schleunigst auf Umwegen die Lokation zu verlassen. Zuhause angekommen, sah ich, wie hinter dem Bahndamm, dort wo die Verwaltungsbaracke war, Rauch aufstieg. Das Gebäude war in Flammen aufgegangen, und ich, der „Priest“, hatte überlebt.