Akuteller Gottesdienst und Rückblick auf den 31.1.

Rückblick:

Popgottesdienst am 31.1. mit Corinna May und Band Halbelf (Ltg. Gerd Schulz); Film von Heiner Heinemann (Video Factory)

Predigt von Pastor Volker Keller: Ich heiße Kerstin: Als ich schwach war, war ich stark

Glaube

Aus der Bibel (Römerbrief 12,12):

„Seid fröhlich in Hoffnung,

       geduldig in Trübsal,

      beharrlich im Gebet.“

Besinnung:

      Was macht mich froh – trotz allem?

   Wie werde ich geduldiger  – trotz Trübsal?

 Welche Worte finde ich, um sie Gott zu sagen?

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Ronald Herr, Pastor: Pro und contra – über Entscheidungen, 15.4.

Wir sind ständig gezwungen, Entscheidungen zu fällen, von denen wir gegenwärtig nicht wissen können, ob sie richtig oder falsch sind und welche Auswirkungen sie für unsere Zukunft bzw. für die Zukunft allgemein haben. Suchen wir Rat, so kommt es häufig vor, dass wir auf gegensätzlich Meinungen stoßen:

Ich bekam einen Artikel, in dem zwei Theologieprofessoren nach der Zukunft der Kirche gefragt wurden. Beide kamen mit guten Argumenten zu gegensätzlichen Ergebnissen. Seit Monaten beschäftigt uns in Vegesack die Frage nach dem zukünftigen Verbleib des Segelschulschiffes „Deutschland“. Die Meinungen prallen aufeinander, und beide Seiten haben gute Gründe. Äußerst schwierig wird es mit der Auseinandersetzung um das Corona-Virus. Hier geht inzwischen ein Riss durch die ganze Welt: Meinung steht gegen Meinung, wissenschaftliche Studie gegen wissenschaftliche Studie, Regierung gegen (außerparlamentarische) Opposition.

Nun kann man es bei Alternativen nicht einfach belassen, sondern man muss zu einer Entscheidung kommen. Jesus fragte einmal seine Jünger, für wen die Leute ihn denn hielten. Es gab unterschiedliche Antworten. Und dann kam die entscheidende Frage: „Was sagt denn ihr, dass ich sei?“ (Matthäus 16). Der Mensch kann sich an der Wahrheitsfrage nicht vorbeidrücken. Er muss Position beziehen, seinen Standpunkt klären, von dem aus er das Geschehen beurteilt, von dem aus er glaubt, einer Sache gerecht zu werden.

Standpunkte (Prämissen) sind ihrem Wesen nach Glaubensaussagen (was, glaube ich, ist die richtige Grundlage für meine Entscheidung). Nun gibt es viele Entscheidungen, die keine große Tragweite haben. Welchen Film ich mir anschaue oder welches Essen ich heute esse, hat meist keine großen Folgen. Wenn meine Entscheidung jedoch andere mitbetrifft, muss ich schon mal genauer hinschauen. Und dann sind da lebensbestimmende Entscheidungen, die sogar Leben und Sterben betreffen können.

Mein Standpunkt ist z.B. eine biblisch christliche Weltsicht. Solange es dabei um mich selbst geht, trage ich dafür auch die Konsequenzen. Nun bin ich aber Prediger und habe das Ziel, andere für meine Weltsicht zu gewinnen. Ich kenne die Frage in meinem Herzen: „Und wenn das, was ich sage, nicht stimmt?“ Ich muss also verhindern, dass ich meinen Standpunkt verabsolutiere und ideologisiere. Vielmehr muss ich ihn ständig relativieren, überprüfen und so u.U. zu neuen Entscheidungen kommen. Das bin ich anderen betroffenen Personen gegenüber schuldig.

Unverantwortlich finde ich, wenn jemand, der mit seinen Entscheidungen auf andere Einfluss nehmen will, seinen Standpunkt, seine Prämisse verschweigt und so tut, als sei seine Meinung die absolute Wahrheit. So wird aus der Pro-und-contra-Diskussion, bei der man sich der unterschiedlichen Ausgangspunkte bewusst ist, ein tragischer Wahrheitskampf, der fast unüberwindliche Gräben aufreißt. Hier sehe ich die Tragik in der gegenwärtigen Corona-Diskussion.

Zurück zum Individuum, das sich entscheiden muss und dabei hilflos von der Frage „Was ist Wahrheit?“ bewegt ist. Einfach mit den Achseln zucken und nichts tun, geht nicht. Für die jeweils andere Seite Augen und Ohren verschließen, halte ich für schwierig. Ich glaube, dass es gut ist, sich beide Seiten anzuhören und sich daraus ein Urteil zu bilden – mit den Augen des Herzens sehen und den Ohren des Herzens hören. Persönlich habe ich dabei die Erfahrung gemacht, dass die Wahrheit hauptsächlich leise Klänge liebt. Und je lauter sich jemand äußert, desto mehr Fragen kommen mir zu dem, was er sagt.

Ronald Herr: Afrikanische Demokratie

Ich schwärme  für Afrika und das traditionelle Demokratie-Verständnis, das noch nicht durch das europäische verhunzt ist. Basis ist die Ratsversammlung, zu der – in kleineren Orten – alle Männer gehörten (in größeren sind es die Ortsteil-Versammlungen – und heute gehören auch die Frauen dazu). Parteienbildung ist im afrikanischen Denken nicht gewollt, und Abstimmungen sind Afrikanern ein Gräuel. In den Versammlungen darf jeder reden. Jeder Meinung wird gehört, jeder Meinung wird geschätzt. Es gibt keinen Widerspruch, keiner wird für blöd erklärt. Die Meinungen werden wie Glieder einer Kette aneinandergereiht und miteinander verflochten. Der Vorsitzende, nachdem er den Tagesordnungspunkt vorstellt hat, hat erstmal zu schweigen und zu hören. Erst wenn alle gesprochen haben, hat er den Konsensus zu formulieren. Hat er den Konsensus getroffen, wird er von allen vertreten. Keiner wird nach der Versammlung meckern oder – noch schlimmer – etwas anderes sagen. Auch Pressure-groups, die sich vor der Versammlung absprechen und das Ergebnis in ihrem Sinne durchsetzen wollen, sind ein Unding. Wohltuend ist auch der freundliche Umgangston in der Versammlung. Sollte wirklich mal jemand entgleisen, wird die Sitzung solange gestoppt, bis das anstößige Wort zurückgenommen ist. Auf ein zurückgenommenes Wort, darf sich dann auch niemand mehr beziehen. Wenn man das mal  mit einer Sitzung des Bundestages vergleicht…

 Ich habe solch demokratisches Verhalten in den kirchlichen Gremien erlebt und als sehr angenehm empfunden. Die Afrikaner kämpfen allerdings mit zwei Problemen: Das eine sind wir Europäer, die wir unsere Parteiendemokratie als die einzig richtige ansehen und alle anderen unter Druck setzen, sie zu übernehmen (keine Parteien = kein Geld – wieviel Unwissenheit und Ignoranz steckt dahinter).

Das andere ist innerafrikanisch: Die Konsensus-Demokratie funktioniert – zumindest gegenwärtig – weitgehend nur auf Stammesebene. Darüber hinaus tut sich immer wieder viel Feindschaft auf. Schon sprachlich zeigt sich das daran, dass denen, die zu einem anderen Volk gehören, das Menschsein abgesprochen wird. Ich erkläre das damit, dass die Zeit des Nomadentums in einem sehr kargen Gebiet, wo man entweder Freund oder Feind war, noch gar nicht so lange vorbei ist.

Aber Afrika ringt um den Einheitsgedanken. Das drückt sich besonders in der Musik aus. Im sog. Afropop spielt das „Mother Afrika“ eine ganz große Rolle. Es bedeutet, dass Afrikaner Kinder der Mutter  Afrika, d.h. miteinander verwandt sind und sich deshalb nicht bekriegen dürfen. Das kommt in vielen Lieder vor.

Ich selbst habe das auf sehr schöne Weise erfahren, indem mir ein Kollege erklärte, dass ich sein Zwillingbruder sei, weil wir mit der Erde die gleiche Mutter und mit Gott den gleichen Vater hätten und beide Jahrgang 1943 seien. Seitdem verstehen wir beide uns als Zwillinge. Mein damaliger Bischof nahm mich als sein Enkel an, weil er sich als meines Vaters jüngerer Bruder verstand, da beide am gleichen Tag Geburtstag hatten – er aber jünger war, als mein Vater.

Ich selbst spreche seitdem von „Mutter Welt“: Sie hat mit Gott, dem Vater“, alle Menschen geboren. Wir sind also alle Geschwister.