VERSCHWÖRUNGSPHANTASTEN

Meinung von Volker Keller zur Diskussion

Nein, es liegt nicht nur am Alter. In den letzten Jahren habe ich immer häufiger das Gefühl, ich müsste für den Staat, die demokratischen Parteien und die Medien eintreten. Seine Verächter, Extreme auf Seiten der Linken, der Rechten, der Salafisten und der Verschwörungsphantasten, radikalisieren sich zunehmend. Heute halte ich es für dringlich, dass die demokratische Mehrheit in der Bevölkerung diesen Leuten entgegentritt. Der bedrohte Staat darf sich als wehrhaft erweisen.

Mit fanatisierten Verschwörungsphantasten kann man nicht reden. Gespräche laufen ja auch immer gleich unbefriedigend ab: Sie behaupten etwas, ich frage nach der Quelle ihrer Behauptung. Sie sagen: Im Internet, bei „Telegram“ zum Beispiel. Ich frage, was sie über die Quelle wüssten, ob sie ihre Zuverlässigkeit einschätzen könnten. In keinem Fall können sie das. Sie glauben blind. Zum Beispiel brennen viele für ihren Anführer Attila Hildmann. Im Telegram-Netzwerk Hildmanns  wird der sächsische Ministerpräsident mit dem Tod bedroht (Bremer Nachrichten vom 14.2.).

Ich lese seit Jahrzehnten dieselben Zeitungen des „Mainstream-Journalismus“ (eine Bezeichnung der Radikalen). Die Berichte in meinen Quellen habe ich tausendfach durch eigene Anschauung und Erfahrung bestätigen können. Die Schwächen erkenne ich auch. Das Verhältnis dieser Medien und ihres journalistischen Ethos zu den radikalen Plattformen ist eines von Qualität zu Propaganda, von Argumentation zu purer Behauptung, von Mäßigung zu Hetze. Die Verschwörungsgläubigen gehen in die Zeit vor der Aufklärung und ihre Werte Vernunft, Ideologiekritik und Selbstkritik zurück.

Auf Demonstrationen jubeln „Querdenker“ Attila Hildmann zu. Der Koch, Kochbuchautor und Geschäftsmann hat es im Kapitalismus weit gebracht – er fährt im grünen Porsche zu den Demos. Dieser Vor“denker“ der Radikalen sagte vor dem Reichstag: „Hitler war ein Segen im Vergleich zu Kommunistin Merkel und Gates, der einen globalen Völkermord an sieben Millionen Menschen plant“, „Coronadiktatoren“ hättten die Virusbedrohung erfunden, um dem „deutschen Volk“ seine Freiheit zu nehmen (YouTube).

Nicht alle Querdenker sind Rechtsextreme wie Hildmann, aber viele von ihnen machen sich seine irrsinnige Behauptung zu eigen, dunkle Mächte um den Milliardär Bill Gates wollten durch eine vergiftete Impfung die Menschheit auf 500 Millionen reduzieren. Und der deutsche „totalitäre Staat“ sei Gates‘ Erfüllungsgehilfe. Ferner wird behauptet, dass die „Zwangsimpfung“ dazu benutzt werden solle, einen Chip in die Geimpften einzupflanzen, der ermöglicht, sie wie Puppen zu steuern. Zuverlässige Belege für die Behauptungen werden nicht vorgelegt.

Nein, es bringt gar nichts, mit Verschwörungsphantasten sachlich reden zu wollen. Besser scheint mir zu sein, sie auf ihre Persönlichkeitsveränderung hinzuweisen und sie mit folgenden Fragen zu konfrontieren: Woher kommt dein Hass? Woher deine Wut? Woher deine Verzweiflung? Was fehlt dir?

Eure Meinungen

Ronald Herr: Verschwörungstheoretiker verbreiten Verschwörungstheorien über Verschwörungen, 4.3.

„Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“. Wie gut ist der Mensch eigentlich? Stimmt das Menschenbild, das seit der Aufklärung vorherrscht? Über das biblische Verständnis, dass des Menschen Herz böse von Jugend auf ist (1. Mose 8,21), wagen wir kaum zu reden. Dabei beginnt – biblisch gesehen – die Menschheitsgeschichte mit einer Verschwörung: Adam und Eva verschwören sich gegen Gott, um ihr Machtinteressen durchzusetzen.

Über die Corona-Pandemie wird viel gestritten. Längst nicht alle sind davon überzeugt, dass die Lage von der Regierung richtig eingeschätzt wird und die von ihr eingesetzten Gegenmaßnahmen angemessen sind. Wer ein wenig recherchiert, stößt auf nicht wenige Stellungsnahmen und Studien, die zu einem anderen Ergebnis kommen. Angesichts der katastrophalen Auswirkungen auf die Gesellschaft, die Wirtschaft und das öffentliche Leben, kann man durchaus die Frage stellen, ob die Regierenden sich nicht zu einseitig auf das Robert-Koch-Institut festgelegt    haben, statt eine breitere Basis zu suchen – zumal sich die täglich vorgelegten Statistiken je nach Standpunkt auch unterschiedlich interpretieren lassen. Jedenfalls erwächst daraus für die Gegner der Vorwurf der Intransparenz, die Grundlage für Verschwörungstheorien.

Ein weiterer Punkt ist die wirtschaftliche Entwicklung. Während Einzelhandel und mittelständische Wirtschaft in Existenznot geraten, bewegen sich die Börsen, die Spielwiesen der Reichen, auf Rekordhöhe. Es ist schon ein Skandal, dass die Reichen auf Kosten der Ärmeren und Armen an der Krise gut profitieren. Da es sich dabei in besonderer Weise um die Pharma-Industrie und die großen Internetkonzerne handelt, liegt die Frage nahe, ob sie überhaupt an ein Ende der Krise interessiert, oder ob für sie Macht- und Reichtumserhalt wichtiger sind. Das wiederum wirft bei manchen die Frage auf, ob sie die Krise nicht sogar initiiert haben oder sie künstlich aufrechterhalten.

Drei Strömungen scheinen mir gegenwärtig in der Diskussion zu sein:

  • Neue Weltordnung (Mächtige, reiche Staaten verbünden sich, um ihre Ziele durchzudrücken und kleinere Staaten zu manipulieren)
  • Deep State (Die demokratischen Strukturen werden zugunsten einer kleinen herrschenden Gruppe zurückgefahren)
  • Great Reset (Die mächtigen Wirtschaftskonzerne übernehmen die Weltherrschaft und gestalten die Welt nach ihren Vorstellungen).

Diese kurze Beschreibung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, weil sie inhaltlich je nach Vertreter unterschiedlich gefüllt sind. Vertreter dieser Theorien sehen im gegenwärtigen Geschehen eine angehende Verwirklichung dieser Ansätze und präsentieren dazu eine Fülle von Material.

Die Frage ist, wie man damit umgeht. Tatsache ist, dass man diesen Gedanken nicht einfach widersprechen kann. Die Menschheitsgeschichte weist Unmengen an Verschwörungen auf. Man kann auch sagen: Verschwörungen sind durchaus menschlich. Was geschieht denn sonst, auf den Golfplätzen, in den Palästen, am Rande der großen Sitzungen, wenn nicht geheime Absprachen? Warum laufen denn so viele Lobbyisten in unseren Regierungsgebäuden herum? Was machen denn unsere Diplomaten, wenn sie große Treffen vorbereiten? Warum haben wir denn Geheimdienste? Oft stellen wir doch erst nach Jahrzenten fest (wenn überhaupt), wer an welcher Schraube gedreht und was manipuliert hat! Ein afrikanisches Sprichwort sagt: „Berge treffen sich nachts“, d.h. tagsüber stehen sie völlig getrennt da; was sie nachts machen, sehen wir nicht.

Das Problem mit jeglicher Verschwörungstheorie ist die Tatsache, dass man ihr nicht einfach wiedersprechen kann. Faktisch handelt es sich um Glaubensaussagen darüber, was geschieht, wenn bestimmte Konstellationen zusammentreffen. Und es ist eine Glaubensangelegenheit, wenn jemand gegenwärtige Ereignisse in sein Zukunftsbild hineininterpretiert. Ansonsten bleibt nur die Antwort: „Kann sein oder auch nicht“.

Verschwörungstheorien haben das Potential einerseits Zukunftsangst zu schüren. Andererseits besteht die Gefahr, dass sich Hass gegen als Verschwörer angesehenen Personen entwickelt. Beides ist sehr tragisch, besonders, wenn sich die Theorie als Fehlentscheidung erweist.

Wer dagegen dem biblischen Menschenbild folgt, ist nicht überrascht darüber, dass es in der Tat Verschwörungen gibt. Er geht ja auch nicht davon aus, dass es gelingen wird, eine heile Welt zu schaffen. Vielmehr ist er von Jesus selbst gewarnt, dass sie ein böses Ende nehmen wird. Und so setzt er seine Hoffnung auf Gottes neue Schöpfung. Christliche Eschatologie sollte Verschwörern und Verschwörungstheorien gegenüber ein Stück Gelassenheit bewirken.

Was das Planen der Zukunft anbetrifft, so unterstreicht ja gerade das Wirken des Corona-Virus die biblische Botschaft, dass wir Menschen nicht mal über den allernächsten Augenblick verfügen. Die Zeit liegt allein in Gottes Hand. Für uns Menschen ist und bleibt sie eine Gleichung mit vielen Unbekannten. „So der Herr will, und wir leben, wollen wir dies und das tun,“ schreibt Jakobus. Das führt uns vielleicht zur Demut; denn es weist alles Planen in seine Schranken.

Und schließlich schreibt Paulus: „Irret euch nicht, Gott lässt sich nicht spotten. Was der Mensch sät, das wird er auch ernten…“. Es kommt niemand daran vorbei, sich für sein Tun und Lassen zu verantworten. Jeder, der negativ auf Gottes Menschen zugreifen will, sollte sich das sehr genau überlegen, denn „Gottes Mühlen mahlen zwar langsam, dafür aber sehr, sehr fein.“