MEINUNGEN  VON  VOLKER KELLER  zur Diskussion gestellt:

Zu Afghanistan: Was für ein Irrsinn!

Nach dem Attentat vom 11.9.2001  lud ich Wolfgang Altenburg zu einem politschen Vortrag ein. Der Vier-Sterne-General war Generalinspekteur der Bundeswehr und oberster Natogeneral. Ich fragte ihn: „Werden die USA Afghanistan angreifen?“ Seine Antwort: Nein, mit Krieg sei das Problem nicht zu lösen, es werde polizeiliche Maßnahmen gegen die Terrorcamps von Al Quaida auf afghanischem Boden geben.  Der Grund für die von ihm prognostizierten Luftschläge: Die Attentäter vom  11.9. erhielten in diesen Lagern ihre militärische Terrorausbildung.

Ich sprach auch mit Dieter Senghaas,  renommierter Professor für Konfliktforschung, und stellte ihm dieselbe Frage. Seine Antwort: Ein Krieg sei nicht zu gewinnen, das hätten schon die Russen erfahren. Ein Krieg gegen die Taliban würde zu einem „zweiten Vietnam“ werden. Auch in Vietnam führten die USA 20 Jahre lang einen grausamen Krieg – und verloren.

Welcher Teufel ritt die deutsche Regierung, sich auf den Krieg der USA einzulassen und Expertenrat in den Wind zu schlagen? Wollte man sich bei den Amerikanern Liebkind machen, indem man seine Unterwürfigkeit demonstrierte?

Die US-Kriegspolitik im Nahen Osten und Nordafrika hat nichts als  Chaos ausgelöst. Man hat  im Irak, in Libyen, in Syrien, in Afghanistan entweder  die Diktatoren  entmachtet oder an ihrer Entmachtung mitgewirkt und  bis auf Syrien gefällige Machthaber, die US-Interessen berücksichtigen,  eingesetzt, aber der Sturz der Regierungen hat die Länder destabilisiert und Krieg im Land  ausgelöst. Nach der Intenvention des Westens war vielfach alles  schlimmer als vorher. Und die Deutschen mit vorne weg.

Was ist die Lehre aus Afghanistan?

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Dritter Weltkrieg?

„Was siehst du den Splitter im Auge des Anderen, aber den Balken in deinem Auge siehst du nicht?“, fragt Jesus. Der Balken im Auge macht blind. Wer blind ist, urteilt über Andere, ohne ihnen gerecht zu werden, weil  Selbstgerechtigkeit seine Sicht trübt.  Was Jesus sagen will: „Richte nicht! Guck dich erst mal selbst an—wie du wirklich bist!“

Es ist wohl  menschlich beim Anderen den Makel zu sehen und sich selbst gegenüber großzügig weg zu gucken. Aber es kann auch gefährlich werden. Einer der höchstrangigen US-und Nato– Militärs, Admiral James Stavridis, hat seinen Beruf gewechselt und ist Romanautor geworden. Seinem Thema „Krieg“ bleibt er jedoch treu. In seiner Geschichte lässt er den 3. Weltkrieg ausbrechen. Keiner will ihn, aber eine unkontrollierte Dynamik steigert einen kleinen militärischen Zwischenfall, an dem die  USA und China beteiligt sind, zum Weltenbrand.“Es gibt heute einen naiven Mangel an Vorstellungskraft eines neuen Weltkrieges,“ kritisiert der Autor.

Ich will nicht nur auf die früheren Kriege zurück  blicken, sondern aktuelle Gefahren des Friedens in den Blick  nehmen. Aus westlicher Sicht scheint der Fall klar zu sein: China und Russland gefährden den Frieden, das westliche Militärbündnis Nato ist eine Friedensmacht und beschützt  die Welt.

Ist das nachvollziehbar? Oder sieht der Westen womöglich den Splitter im Auge des Anderen und  den Balken in seinem Auge nicht? Ist die Verurteilung der beiden Länder  fair oder fehlt ihr Ehrlichkeit?

Was wird China vorgeworfen? Dass das Land im gr0ßen Maß  aufrüstet. Ehrlicherweise müsste man im Westen zugeben, dass Chinas Militärkapazitäten nicht annähernd an die der USA heranreichen. Dass China im Südchinesischen Meer aggressiv auftritt—in Hong Kong und gegenüber Taiwan. Dabei ist nicht zu vergessen, dass der europäische Kolonialismus China Hong Kong weggenommen hat—China korrigiert jetzt dieses imperialistische Verbrechen der Briten. Die Drohungen gegen das unabhängige Taiwan werden von China als eine interne Angelegenheit angesehen —China sieht Taiwan als einen Teil seines Landes. Ist es  gerecht, wenn die Nato  darin eine Bedrohung der Welt erkennen will?

Und zu Russland: Putin sei böse, weil er die ukrainische Krim annektiert habe, sagt der Westen. Als ich in Russland war, sagten mir Russen, dass sie die Nato als eine Bedrohung Russlands ansähen. „US-Militär ist nur etwa 100 Kilometer von unserer Grenze  entfernt – was will es dort?“, fragte eine Russin.Wie würden die USA reagieren, sollte Russland an der mexikanischen  Grenze zur USA sein Militär stationieren? Panisch. Als sich 1989 die Sowjetunion auflöste, löste sich auch der Warschauer Pakt auf – die Nato blieb bestehen und erweiterte sich in den nächsten Jahren um 14 osteuropäische Staaten (eine ganze Reihe davon standen bedingungslos an der Seite der USA in ihrem völlkerrechtswirdrigen Krieg gegen den Irak). Die neuen Mitglieder wurden aufgerüstet und in den baltischen Staaten baute der US-Geheimdienst Technologie auf, um Russland fortan abhören zu können. Der Russischen Föderation wurde kein Angebot beizutreten gemacht. Warum nicht? Putin war bereit dazu. Der sowjetische Präsident Gorbatschow hatte die deutsche Wiedervereinigung ermöglicht und wird im Westen deshalb sehr geschätzt. Er kritisierte die Nato-Osterweiterung scharf: Der Westen zerstöre das Vertrauen der Russen.  Mein Taxifahrer Mikael warnte den Westen: „Don’t touch Russia!“ (Wagt es nicht nicht, Russland anzufassen!)   Und die Krim? Die USA  wollten  die Krim als Basis für ihre Kriegsschiffe —das konnte Putin nicht zulassen. Und wie ist der Vorwurf eigentlich zu verstehen, Putin unterstütze einen Diktator – Assad in Syrien? Was würde in Syrien geschehen, verlöre Assad mit seinen  Regierungstruppen den Krieg? Das Land fiele in die Hände von irren Gotteskriegern. Wäre  das etwa die bessere Alternative? Wohl kaum!

Was bewegt die USA, Keile zwischen Europa und Russland und Europa und China zu treiben? Die Bemühung beider Länder, eine eurasische (europäisch-asiatische) Wirtschaftsregion zu schaffen – ohne die USA? In seinem Offenen Brief an Deutschland anlässlich des 80. Jahrestages der deutschen Invasion in der Sowjetuinon am 22.6.1941  wiederholte Putin seine Vorstellung einer Vereinigung der Europäischen und der Eurasischen Union („von Wladiwostock bis Lissabon“)  mit dem Ziel einer gemeinsamen Sicherheits- und Wirtschaftspolitik. Ohne die USA. Die weltpolitische Entwicklung scheint überhaupt gegen die Amerikaner zu laufen. Die ZEIT-Korrespondentin Andrea Böhm betitelt ihr Buch in diesem Sinne „Das Ende der westlichen Weltordnung“.

Im Juli spach US-Präsident Biden tatsächlich von der Möglichkeit eines Krieges: „Wenn wir  in einem Krieg, einem echten Krieg  mit einer Großmacht enden, dann als Folge eines Cyberangriffs.“ Und natürlich hat er als Cyberkrieger  China im Sinn – er übersieht großzügig den   kriminellen Großangriff des amerikanischen Geheimdienestes  NSA  auf westeuropäische Kommunikationssysteme  (auf Abgeordnete des Europaparlaments,  auf Bundestagsabgeordnete, sogar das Handy der Bundeskanzlerin wurde von den Amerikanern gehakt). Die USA eroberten im 19. Jahrhundert die Westpazifikinsel Guam, führten von ihr aus den Korea- und Vietnamkrieg und bauen die Insel heute  zu einer gewatigen  Militärbasis aus. Im Herbst wird erstmals die deutsche Fragatte Bayern in diese ferne Region vordringen und die Amerikaner dort besuchen. Die deutsche Außenministerin Kramp-Karrenbauer  übernimmt  die Rhetorik der Amerikaner, wenn sie von China als „Gegner“ im Pazifik und von Russland als „Gegner“  in Europa spricht. Spannen die Amerikaner die Deutschen vor ihren Karren? Angeblich geht es um den Schutz der Handelsrouten. Hat China diese jemals blockiert? Und mit Russland läuft der Handel völlig reibungslos, Russland ist ein verlässlicher Partner.  Angeblich zeige China seine Aggressivität durch die Einrichtung von Militärbasen im Pazifik. Kann das nicht auch eine Reaktion auf den  aggressiven Westen sein?

Admiral Stavridis schrieb im Sinne Jesu: „Wir müssen uns in die andere Seite hineinversetzen. Es ist falsch, wenn schlichte Muster von Gut und Böse vorherrschen.“  Nur so können wir weitere große Kriege vermeiden.

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EURE  MEINUNGEN:

Gerd-Rolf Rosenberger: Keine Kriegseinsätze mehr, nirgendwo!

Fast 2 0  Jahre dauerte der verfluchte Krieg in Afghanistan.  Am 9. November 2001 führte die Initiative Nordbremer Bürger gegen den Krieg ihre erste Friedenskundgebung durch;  diese Kundgebung war als einmaliger Protest gegen das US-Bombardement in Afghanistan gedacht.  9 MitstreiterInnen versammelten sich mit 6 0 Menschen zur ersten Kundgebung,  es moderierten und sprachen Pastor Volker Keller und der leider verstorbene langjährige Bürgerhausleiter Gerd Meyer.  Die Friedensinitiative protestierte gegen den Krieg in Afghanistan, gegen einen Krieg, der niemals „gewinnbar“ war, für eine Welt ohne Waffen und Kriege, gegen die Milliardenausgaben fürs Militär, für soziale Gerechtigkeit und Solidarität mit der Dritten Welt.  Aus dem einmaligen Protest sind inzwischen  jeden Freitag  9 7 5  Friedenskundgebungen geworden,  und  der Krieg in Afghanistan war oft ein Thema. Unsere Überzeugung wird bleiben,  „solange Kriege geführt werden,  müssen wir jeden Freitag Friedenskundgebungen in Vegesack durchführen.

Am kommenden Freitag (25.8., 17 UIhr, Gerhard-Rohlfs-Straße in Vegesack) werden  nach einer Einleitung über das Ende eines verheerenden Krieges in Afghanistan am Offenen Mikrofon kurze Diskussionsbeiträge vorgetragen.  Friedensgedicht und das Lied  „Sag mir, wo die Blumen sind“,  Spendensammlung für Elektrifizierung mit solarer Energie für Grundschulen und Ärztehäuser auf Kuba, wo die USA einen ökonomischen Krieg mit Boykott und Handelsblockade führt, sind weitere Bestandteile der 975.

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Gisela Vormann: Kein Tag ohne das mediale Feindbild Russland und China

Meine Ängste hinsichtlich eines bevorstehenden 3. Weltkriegs sind groß.

Mich ängstigt sehr, dass ich feststelle, dass in der jungen Generation das Thema Krieg überhaupt keine Rolle zu spielen scheint. Selbst bei der Klimafrage wird ignoriert, dass 60% der Treibhausgas fördernden Emissionen durch Militär und Kriege verursacht werden. Weiter ängstigt mich, wie von der Politik und von den Medien systematisch das  Feindbild Russlands und Chinas aufgebaut wird, gegen unsere Interessen, aber im Interesse der USA. Es vergeht kein Tag an dem nicht Russland oder China als Aggressoren  dargestellt werden, dabei ist es gerade umgekehrt.

Provozierende Großmanöver abwechselnd vor Russlands und Chinas Toren dienen angeblich der Verteidigung. Ich frage mich, ob unsere Politiker auch inzwischen viele aus der Partei DIE LINKE, gar nicht  merken, dass sich ein Krieg auf europäischem Boden abspielen würde. Selbst in Kreisen der Friedensbewegung gibt es Leute, die Putin als den größten Verbrecher bezeichnen. Man merkt daran, wie die tägliche“ Berieselung“ Wirkung zeigt. Wenn man glaubt, dass der nächste Weltkrieg atomar geführt werden wird, und sogar ein möglicher siegreicher Erstschlag in Erwägung gezogen wird, kann ich nicht verstehen warum man nicht alles daran setzt um Völkerverständigung zu erreichen,und Kriege zu verhindern, als ob wir uns mit dem Klima nicht schon genug Ärger an Land gezogen hätten. Ich werde nicht müde, immer wieder darauf hin zu weisen, dass ein Galaxy- Großraumtransporter, allein für den Start 3.500 Liter Treibstoff benötigt, damit könnte ich mit unserem Auto mindestens 1x um die ganze Erde fahren. Ein Eurofighter verbraucht in der Minute 100 Liter Treibstoff. Es gibt allein in Ramstein 30.000 Starts und Landungen jährlich. Das muss man sich mal vorstellen. Das hat jetzt zwar nichts mehr mit dem 3. Weltkrieg zu tun, aber für mich bedeutet  auch das Krieg, so lange diese Tatsachen nicht publik gemacht zu werden brauchen.

Für mich ist jedes Klimagespräch witzlos, solange die Militärs so weiter machen dürfen. Auf irgend eine Weise schaffen wir es schon, uns selbst zu vernichten.

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Friedrich Schulz zur Wiesch: „Der dritte Weltkrieg ist wahrscheinlich“

„Der dritte Weltkrieg ist wahrscheinlich. Eine Politik, die den Weltkrieg verhindert, ist möglich und wird heute versucht.“

(Carl Friedrich von Weizsäcker, Wege in der Gefahr – Eine Studie über Wirtschaft, Gesellschaft und Kriegsverhütung, Carl Hanser Verlag München Wien 1976, S. 110, 118)

Auch heute – Jahrzehnte nachdem von Weizsäcker seine Thesen formuliert hat – ist die Gefahr eines dritten Weltkriegs leider nicht gebannt. Auch ich habe gelesen, was Joe Biden gesagt hat. Deine Sorgen sind auch meine Sorgen. Ich unterscheide mich von dir dadurch, dass ich China und Russland etwas strenger und den Westen etwas nachsichtiger beurteile als du.

Ein Anlass zu Sorge ist m.E. auch Nordkorea. Wie wird die Lage in Ost-Asien im Jahr 2030 oder im Jahr 2040 sein, falls Nordkorea weiterhin aufrüstet? Werden die gefährdeten Nachbarn Südkorea und Japan dann auch aufrüsten, vielleicht auch atomar?

Die Jesus-Worte vom Splitter und Balken sind sehr gut.

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Dr. Menno Visser: Macht mir Angst

Hallo Volker, auch ich nehme eine wieder zunehmende Benutzung von kriegstreiberischen Äußerungen und Aktionen war, von allen drei Seiten. Deine Argumentation verstehe ich als Aufźeigen von kriegstreiberischen Aktionen der Nato, um ein Gegengewicht zu schaffen gegen z.B. die FAZ“propaganda“, eine teilweise sehr gute Zeitung, aber nur teilweise. Die Aktionen von China und Russland sind bei dir unterbelichtet. Aber ich gebe dir insofern Recht: wir müssen mehr zuhören. Aber das predigt unser SPDaußenminister doch die ganze Zeit, zum Missfallen der CDU und der USA. Biden macht mir tatsächlich etwas Angst.


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Ronald Herr: Dritter Weltkrieg?

Hoffentlich nicht. Joe Bidens Aussage ging wie ein Lauffeuer durch die Presse. Aber bevor man in Panik gerät, sollte man erst einmal genau analysieren, wann, wo und zu wem er solche Äußerung gemacht hat. Dummerweise läuft ständig ein ganzer Tross von Reporten hinter einem amerikanischen Präsidenten her, um irgendein Wort von ihm zu ergattern, dass dann oft zusammenhangslos in die Weltgeschichte hinausposaunt wird. Und  wie bei der „stillen Post“ wandelt es sich auch auf diesem Weg.

Dritter Weltkrieg? Unmöglich? Nein. Die Welt ist ein Pulverfass. An Kriegen fehlt es ja nicht. Sie gehören irgendwie zu Alltag, und die meisten Kriege, die heute geführt werden, sind „Stellvertreter Kriege“, d.h. sie haben somit das Potential, jederzeit zu Weltkriegen zu werden.

Es ist also naiv zu meinen, dass die Zeit der Kriege vorbei sei. Auch ist es naiv zu glauben, dass der Mensch ein durch und durch friedliches Wesen ist.

Das Menschenbild der Moderne ist einfach falsch. Um das zu begreifen, muss man sich nur die täglichen Nachrichten ansehen und -hören. Es geht nicht um irgendwelche dummen Ausrutsche, die halt mal vorkommen, sondern zeigen, wie es um den Menschen gestellt ist. Der liberalistische Glaube, dass Rassismus und Diskriminierung durch eine paar aufklärende Gespräche überwunden werden, geht an der Tatsache vorbei, dass sie tief im menschlichen Wesen verankert sind. Vielmehr sollten wir dankbar dafür sein, wenn wir erleben dürfen, dass sie gelegentlich überwunden werden, dass wir hier in Europa eine so lange kriegslose Zeit erfahren durften und dafür beten, dass es noch lange so bleiben möchte. Das kann sich sehr schnell ändern – auch ohne Joe Bidens Äußerung.

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Herbert Brüdt: Kriegsvorbereitung in hündischer  Abhängigkeit

Du beschreibst die Lage genauso wie ich sie sehe. Die Lage spitzt sich immer weiter zu, Kriegsvorbereitungen sind auch in unserem Land seit Jahren im Gange (Einführung der Berufsarmee, Beschaffung von waffenfähigen Drohnen, Erhöhung des Militäretats, zT „Propaganda“nachrichten, Zunahme der Überwachung, etc).
Was dabei vor allem Besorgnis erregt ist die „hündische“ Abhängigkeit Deutschlands vom aggressivsten Beteiligten, den USA. Für westliche Staaten sind Verträge nur gut, solange sie etwas nützen, während China und Russland, soweit ich informiert bin, vertragstreu sind. Deutschland hat die meisten Vertragsverletzungen aller Staaten in der EU. Wir sind die Guten.
Die USA haben einen gigantischen Schuldenberg, deshalb können sie die von ihnen verursachten Kriege nicht mehr zahlen, haben gigantische innenpolitische Probleme, die noch weiter kulminieren werden. Und so werden sie es machen wie immer in der Geschichte, man provoziert einen großen Krieg und zieht das dumme Deutschland mit hinein. Dumm gelaufen. Wir verteidigen Demokratie (welche?) und Menschenrechte, aber immer nur in anderen Ländern, uns ist nichts mehr peinlich.

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Volker Keller

Krieg in Israel und Palästina – warum?

Die Armee des  Staates  Israel besetzt weite Teile des Westjordanlandes, das den Palästinensern gehört, und bringt jüdische Siedler nach Hebron, enteignet Boden und Häuser  für sie.

Hebron liegt im Westjordanland in  Palästina. Die Armee schützt die  jüdischen Siedler.  Die Palästinenser sind rechtlos im eigenen Land.  Ich schildere, was ich dort erlebt habe:

Wir gehen durch ehemalige Geschäftsstraßen, die verfallen und  so tot sind wie nach einem Pestausbruch.  Farbfladen fallen  von den Hauswänden ab, Mauerschäden repariert keiner mehr.  In der Menschenleere taucht ein Palästinenser auf, gleich steuern  drei Soldaten auf ihn zu und kontrollieren Pass und  Permit, seine  Erlaubnisbescheinigung.  Die Armee sperrt diesen Bereich der Stadt ab, vor einigen Jahren  schloss sie hier 500 Geschäfte von Palästinensern und verrammelte  sie.  Tausend israelische Soldaten schützen in Hebron einige hundert israelische Siedler, die in der Stadt ihre Häuser haben.  Durch Hebron zieht sich eine Grenze wie früher durch  Berlin. Ein junge Frau von EAPPI erwartet uns in der Geisterstadt. Kerstin kommt aus Deutschland und arbeitet für den Weltkirchenrat in Genf. Sie ist Mitarbeiterin des Ökumenischen Begleit-Programms für Palästina und Israel. Im Rahmen des Programms halten sich 25 Mitarbeiter im Westjordanland  auf. Sie beobachten das Leben der Palästinenser unter militärischer Besatzung. Sie wollen den Palästinensern Schutz, Solidarität und Fürsprache geben (protective presence). Sie dokumentieren und melden Menschenrechtsverletzung durch  Armee,  die Siedler und  Palästinenser, die Israelis  angreifen. Sie arbeiten mit der israelischen Friedensbewegung zusammen.

Ich spreche mit der  kleingewachsenen, zierlichen  Frau, die in einer  weiten gelben Schutzweste mit der Aufschrift EAPPI steckt.

„Schützt die Weste dich?“

„Eher nicht, sie löst Wut bei manchen Siedlern  aus. Sie lehnen uns ab. Es kommt vor, dass wir beschimpft und bespuckt werden, manchmal werfen Kinder der Siedler Steine nach uns. Die Siedler sind sehr aggressiv. Die israelische Polizei greift nicht ein.“

„Wie verhältst du dich dann?“

„Ich versuche,  die Situation zu deeskalieren – durch Ruhe und Sachlichkeit.“

„Könnt  ihr Palästinenser schützen?“

„Wenn wir an den Checkpoint oder in den Straßen auftauchen, sind die Soldaten vorsichtig. Sie wollen nicht, dass Übergriffe von uns dokumentiert werden. Manchmal rufen Familien uns an, wenn die Armee ihr Haus  durchsucht, das kommt häufig nachts vor.“

Das Gespräch wird unterbrochen  durch einen aufgebrachten Autofahrer, der die Scheibe seiner alten Karre  herunter  gedreht hat und lauthals losschimpft. Ein Siedler. Er springt aus dem Auto, läuft auf unsere Begleiterin zu und fordert sie  auf Deutsch auf: „Ihr seid gegen uns. Verschwindet  hier!“   An seinem Hosengürtel trägt er einen Revolver. Kerstin bleibt ganz ruhig und antwortet, dass sie unparteiisch ist und nur auf die Einhaltung der Menschenrechte achtet.

Das Gesicht des dicklichen  Mannes  mit schütterem Haar rötet sich, er schimpft weiter. Mir reicht es nun:

„Sie haben hier nichts zu suchen. Ihre Anwesenheit ist nach dem Völkerrecht illegal.“

Er starrt mich mit wütenden Augen an und beschimpft mich:

„Du willst wohl, dass die Stadt ‚judenrein‘ wird, was? Du wärst früher zur SS gegangen, du Nazi.“

„Ich werde zu Hause berichten, was ich hier sehe, und Politiker in Deutschland darüber informieren.“

Soldaten sind auf unseren lauten Konflikt aufmerksam geworden und preschen  herbei. Vier Mann mit Maschinengewehren bauen  sich hinter dem Siedler auf. Mir fährt die Sache in die Knochen.  Um eine Eskalation zu vermeiden, gehe ich weg. Der Siedler ruft mir noch „Judenfeind“ hinterher.

Nach einiger Zeit kehre ich zur Gruppe zurück. Keiner macht mir Vorwürfe. Am Ende zeigt Kerstin uns ein Graffito an einer Hauswand. Es  zeigt  einen  neuen  Jüdischen Tempel, den  Juden in Jerusalem auf dem Tempelberg bauen wollen. Der Tempelberg liegt im palästinensischen  Ostjerusalem, dort steht  der Felsendom, eines der bedeutendsten Heiligtümer der Muslime, mit  dem sie Abraham verehren, und die Al-Aqsa-Moschee, eine der bekanntesten Gelehrtenstätten der islamischen Welt.

Durch eine ganz enge Kontrollstelle verlassen wir hintereinander  den für Einheimische  verbotenen  Stadtteil und finden uns sofort im Orient wieder. Es duftet nach Gewürzen. In der belebten Altstadt sitzen alte Männer auf Plastikstühlen,  Palästinensertücher haben sie sich  um  Hals oder Kopf gewickelt,  und lassen sich vom Wirt schwarzen Tee einschenken. Frauen mit Kopftüchern und weiten Mänteln, die die Körperformen verdecken sollen,  eilen  durch  enge  Gassen, um  ihre Einkäufe nach Hause zu bringen. Eine grüßte die andere mit „Mahabar!“ (Hallo!) Kinder toben zwischen den Erwachsenen herum, niemanden  stört das. Vor einem Geschäft hängen Jacken, Hosen  und Hemden auf einer provisorischen Leine. Darüber spannt sich  über  die ganze Gasse  ein engmaschiges  Netz. „Warum hängt dort ein Netz?“, frage ich Johannes. „Weil in den Häusern jüdische Siedler wohnen. Es kommt immer wieder vor, dass sie  die Leute auf der Straße vom Dach aus  mit  faulen Eiern  oder Steinen  bewerfen.“ Die Häuser stehen hinter Schutzmauern und Stacheldraht. Als Zeichen des Triumphs hissen die Bewohner israelische Flaggen. Das kann doch alles nicht wahr sein! Vor der Reise las ich den Spiegel. Jetzt erinnere ich mich an  einen Artikel über diese Stadt. Ein Jude namens Yehuda Shaul  wurde zitiert: „Der Hass wohnt in Hebron.“  Wir  werden  mit ihm sprechen. Auch die Schande wohnt in Hebron.  In der nahen Siedlung Kiryat Arba liegt   der Massenmörder Goldstein auf dem Friedhof begraben. Sympathisanten  seiner Großisrael-ohne-Palästinenser-Ideologie  stellten  eine Ehrentafel für ihn auf:  „Hier liegt Doktor Baruch Kappel Goldstein. Ohne Fehl und mit reinem Herzen opferte er sich für sein Volk, die Thora und das Land Israel. Möge Gott diesen Gerechten segnen, sein Blut rächen, seiner Seele ewige Ruhe geben. Er wurde als Märtyrer Gottes am 14. Adar, Purim, im Jahre 5754 (1994) getötet.“ Goldstein stürmte 1994  schwerbewaffnet die Ibrahim Moschee in Hebron und feuerte auf die betenden Palästinenser. Er tötete 29 Menschen.

Yehuda Shaul ist ein kräftiger Kerl. Seine starken  Arme bringen es wohl auf den doppelten Umfang meiner, sein Gesicht bewächst ein schwarzer dichter Bart, der ihn ein wenig grimmig aussehen lässt.  Mit  ehemaligen Soldaten-Kameraden  gründete er 2004 die Organisation „Breaking the Silence“.  Seinen  Militärdienst in Hebron nennt er als  Anlass. Shaul stammt aus einer strenggläubigen, orthodoxen jüdischen Familie, seine national-religiös  eingestellten Cousins  gehören der Siedlerbewegung an. Den  Dienst als  Kommandant einer Kampfeinheit mit 120 Soldaten erklärte   er sich zunächst  wie in seinen Kreisen üblich  als  notwendige Verteidigung seines Landes gegen  palästinensische Terroristen in der Westbank.  Der Staat wolle  die absolute Kontrolle und Sicherheit: „Nur einer kann  gewinnen. Sie oder wir.“

„Yehuda, was geschah dann  in Hebron?“

„Meine Kameraden und ich merkten: Irgendetwas stimmt nicht. Die Rechte der  wenigen Siedler wurden geschützt, doch die  große Mehrheit der Palästinenser hatte für uns   keine Rechte. Unser Ziel bestand darin, ihnen das klar zu machen. Wir wollten ihnen Angst machen, sie sollten wissen: Die Armee ist überall.“

„Wie habt ihr ihnen Angst gemacht?“

„Zum Beispiel durch willkürliche nächtliche Hausdurchsuchungen. Sie sollten merken, dass wir sie jederzeit jagen können, sie sollten sich verfolgt fühlen.“

„Was für ein Menschenbild hattet ihr?“

„Für uns Soldaten waren sie keine gleichwertigen menschlichen Wesen. Sie hatten für uns keine Würde.“

„Werden die Palästinenser aufgeben?“

„Nein, sie werden nicht aufgeben und das Land verlassen. In einem anderen Land als Flüchtlinge  zu leben, würde nichts verbessern.“

„Gibt es Grund, auf bessere Zeiten zu hoffen?“

„Auf jeden Fall!  In  meiner Lebenszeit wird die Besatzung noch enden. Wir stärken mit unserer Gewalt ihren Widerstand – das führt zu nichts. Ganz im Gegenteil: Israel zahlt einen moralischen Preis – unsere Gesellschaft verroht mehr und mehr. Aber hättet ihr geglaubt, dass die Berliner Mauer fällt, dass  Nelson Mandela Präsident von Südafrika wird  und Barack Obama Präsident der USA? Nein, hättet ihr nicht! Aber solche großen Veränderungen geschehen – manchmal über Nacht.“

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EURE  MEINUNGEN:

Gisela Vormann zum Afghanistankrieg mit deutscher Beteiligung: Nichts als Zerstörung

Der US-Angriffskrieg gegen Afghanistan, genannt: “ War on Terror“ mit deutscher Beteiligung begann für die Bundeswehr am 22.Dez.2001, nachdem schon gleich am 12.September, einen Tag nach dem Anschlag auf das World Trade Center in New York, der Krieg von den USA vorbereitet wurde. Der Krieg gegen den Terror sollte gegen Osama bin Laden geführt werden, den man für die Anschläge verantwortlich gemacht hatte und den man in Afghanistan vermutete. Der inzwischen 20 Jahre andauernde Krieg hat nichts als Zerstörung, Elend und Not über das afghanische Volk gebracht. Die Initiative Nordbremer Bürger gegen den Krieg hat von Anfang an bei ihren Freitagskundgebungen gefordert: „Bundeswehr raus aus Afghanistan“. Gemeinsam mit Frau Noor hatten wir Veranstaltungen zu dem Thema. Die Bombardierungen zerstörten gleich zu Beginn des Krieges, die hoch effektiven Bewässerungsanlagen, ein gut durchdachtes System , einmalig in der Welt, und überlebensnotwendig für das karge Land. Der Rechtsanwalt Karim Popal stritt vergebens um Entschädigungen für die zivilen Opfer des Bombenangriffs, den Oberst Klein zu verantworten hatte. In der Gegend um Kundus, wollten sich die Bewohner von einem liegen gebliebenen Tanklastzug Treibstoff „besorgen“ . Wie wir wissen wurde er sogar zum General befördert. Nun nach 20 Jahren soll endlich die Bundeswehr abziehen, der Krieg gegen den Terror hat ein Trümmerfeld hinterlassen, in dem „Warlords“ künftig regieren werden und das gebeutelte Land kann sehen wo es bleibt . Wozu musste nun dieser Krieg geführt werden? Sieht so die bedingungslose Solidarität eines Ex-Bundeskanzlers aus?