Krieg in Israel und Palästina – warum?

Die Armee des  Staates  Israel besetzt weite Teile des Westjordanlandes, das den Palästinensern gehört, und bringt jüdische Siedler nach Hebron, enteignet Boden und Häuser  für sie.

Hebron liegt im Westjordanland in  Palästina. Die Armee schützt die  jüdischen Siedler.  Die Palästinenser sind rechtlos im eigenen Land.  Ich schildere, was ich dort erlebt habe:

Wir gehen durch ehemalige Geschäftsstraßen, die verfallen und  so tot sind wie nach einem Pestausbruch.  Farbfladen fallen  von den Hauswänden ab, Mauerschäden repariert keiner mehr.  In der Menschenleere taucht ein Palästinenser auf, gleich steuern  drei Soldaten auf ihn zu und kontrollieren Pass und  Permit, seine  Erlaubnisbescheinigung.  Die Armee sperrt diesen Bereich der Stadt ab, vor einigen Jahren  schloss sie hier 500 Geschäfte von Palästinensern und verrammelte  sie.  Tausend israelische Soldaten schützen in Hebron einige hundert israelische Siedler, die in der Stadt ihre Häuser haben.  Durch Hebron zieht sich eine Grenze wie früher durch  Berlin. Ein junge Frau von EAPPI erwartet uns in der Geisterstadt. Kerstin kommt aus Deutschland und arbeitet für den Weltkirchenrat in Genf. Sie ist Mitarbeiterin des Ökumenischen Begleit-Programms für Palästina und Israel. Im Rahmen des Programms halten sich 25 Mitarbeiter im Westjordanland  auf. Sie beobachten das Leben der Palästinenser unter militärischer Besatzung. Sie wollen den Palästinensern Schutz, Solidarität und Fürsprache geben (protective presence). Sie dokumentieren und melden Menschenrechtsverletzung durch  Armee,  die Siedler und  Palästinenser, die Israelis  angreifen. Sie arbeiten mit der israelischen Friedensbewegung zusammen.

Ich spreche mit der  kleingewachsenen, zierlichen  Frau, die in einer  weiten gelben Schutzweste mit der Aufschrift EAPPI steckt.

„Schützt die Weste dich?“

„Eher nicht, sie löst Wut bei manchen Siedlern  aus. Sie lehnen uns ab. Es kommt vor, dass wir beschimpft und bespuckt werden, manchmal werfen Kinder der Siedler Steine nach uns. Die Siedler sind sehr aggressiv. Die israelische Polizei greift nicht ein.“

„Wie verhältst du dich dann?“

„Ich versuche,  die Situation zu deeskalieren – durch Ruhe und Sachlichkeit.“

„Könnt  ihr Palästinenser schützen?“

„Wenn wir an den Checkpoint oder in den Straßen auftauchen, sind die Soldaten vorsichtig. Sie wollen nicht, dass Übergriffe von uns dokumentiert werden. Manchmal rufen Familien uns an, wenn die Armee ihr Haus  durchsucht, das kommt häufig nachts vor.“

Das Gespräch wird unterbrochen  durch einen aufgebrachten Autofahrer, der die Scheibe seiner alten Karre  herunter  gedreht hat und lauthals losschimpft. Ein Siedler. Er springt aus dem Auto, läuft auf unsere Begleiterin zu und fordert sie  auf Deutsch auf: „Ihr seid gegen uns. Verschwindet  hier!“   An seinem Hosengürtel trägt er einen Revolver. Kerstin bleibt ganz ruhig und antwortet, dass sie unparteiisch ist und nur auf die Einhaltung der Menschenrechte achtet.

Das Gesicht des dicklichen  Mannes  mit schütterem Haar rötet sich, er schimpft weiter. Mir reicht es nun:

„Sie haben hier nichts zu suchen. Ihre Anwesenheit ist nach dem Völkerrecht illegal.“

Er starrt mich mit wütenden Augen an und beschimpft mich:

„Du willst wohl, dass die Stadt ‚judenrein‘ wird, was? Du wärst früher zur SS gegangen, du Nazi.“

„Ich werde zu Hause berichten, was ich hier sehe, und Politiker in Deutschland darüber informieren.“

Soldaten sind auf unseren lauten Konflikt aufmerksam geworden und preschen  herbei. Vier Mann mit Maschinengewehren bauen  sich hinter dem Siedler auf. Mir fährt die Sache in die Knochen.  Um eine Eskalation zu vermeiden, gehe ich weg. Der Siedler ruft mir noch „Judenfeind“ hinterher.

Nach einiger Zeit kehre ich zur Gruppe zurück. Keiner macht mir Vorwürfe. Am Ende zeigt Kerstin uns ein Graffito an einer Hauswand. Es  zeigt  einen  neuen  Jüdischen Tempel, den  Juden in Jerusalem auf dem Tempelberg bauen wollen. Der Tempelberg liegt im palästinensischen  Ostjerusalem, dort steht  der Felsendom, eines der bedeutendsten Heiligtümer der Muslime, mit  dem sie Abraham verehren, und die Al-Aqsa-Moschee, eine der bekanntesten Gelehrtenstätten der islamischen Welt.

Durch eine ganz enge Kontrollstelle verlassen wir hintereinander  den für Einheimische  verbotenen  Stadtteil und finden uns sofort im Orient wieder. Es duftet nach Gewürzen. In der belebten Altstadt sitzen alte Männer auf Plastikstühlen,  Palästinensertücher haben sie sich  um  Hals oder Kopf gewickelt,  und lassen sich vom Wirt schwarzen Tee einschenken. Frauen mit Kopftüchern und weiten Mänteln, die die Körperformen verdecken sollen,  eilen  durch  enge  Gassen, um  ihre Einkäufe nach Hause zu bringen. Eine grüßte die andere mit „Mahabar!“ (Hallo!) Kinder toben zwischen den Erwachsenen herum, niemanden  stört das. Vor einem Geschäft hängen Jacken, Hosen  und Hemden auf einer provisorischen Leine. Darüber spannt sich  über  die ganze Gasse  ein engmaschiges  Netz. „Warum hängt dort ein Netz?“, frage ich Johannes. „Weil in den Häusern jüdische Siedler wohnen. Es kommt immer wieder vor, dass sie  die Leute auf der Straße vom Dach aus  mit  faulen Eiern  oder Steinen  bewerfen.“ Die Häuser stehen hinter Schutzmauern und Stacheldraht. Als Zeichen des Triumphs hissen die Bewohner israelische Flaggen. Das kann doch alles nicht wahr sein! Vor der Reise las ich den Spiegel. Jetzt erinnere ich mich an  einen Artikel über diese Stadt. Ein Jude namens Yehuda Shaul  wurde zitiert: „Der Hass wohnt in Hebron.“  Wir  werden  mit ihm sprechen. Auch die Schande wohnt in Hebron.  In der nahen Siedlung Kiryat Arba liegt   der Massenmörder Goldstein auf dem Friedhof begraben. Sympathisanten  seiner Großisrael-ohne-Palästinenser-Ideologie  stellten  eine Ehrentafel für ihn auf:  „Hier liegt Doktor Baruch Kappel Goldstein. Ohne Fehl und mit reinem Herzen opferte er sich für sein Volk, die Thora und das Land Israel. Möge Gott diesen Gerechten segnen, sein Blut rächen, seiner Seele ewige Ruhe geben. Er wurde als Märtyrer Gottes am 14. Adar, Purim, im Jahre 5754 (1994) getötet.“ Goldstein stürmte 1994  schwerbewaffnet die Ibrahim Moschee in Hebron und feuerte auf die betenden Palästinenser. Er tötete 29 Menschen.

Yehuda Shaul ist ein kräftiger Kerl. Seine starken  Arme bringen es wohl auf den doppelten Umfang meiner, sein Gesicht bewächst ein schwarzer dichter Bart, der ihn ein wenig grimmig aussehen lässt.  Mit  ehemaligen Soldaten-Kameraden  gründete er 2004 die Organisation „Breaking the Silence“.  Seinen  Militärdienst in Hebron nennt er als  Anlass. Shaul stammt aus einer strenggläubigen, orthodoxen jüdischen Familie, seine national-religiös  eingestellten Cousins  gehören der Siedlerbewegung an. Den  Dienst als  Kommandant einer Kampfeinheit mit 120 Soldaten erklärte   er sich zunächst  wie in seinen Kreisen üblich  als  notwendige Verteidigung seines Landes gegen  palästinensische Terroristen in der Westbank.  Der Staat wolle  die absolute Kontrolle und Sicherheit: „Nur einer kann  gewinnen. Sie oder wir.“

„Yehuda, was geschah dann  in Hebron?“

„Meine Kameraden und ich merkten: Irgendetwas stimmt nicht. Die Rechte der  wenigen Siedler wurden geschützt, doch die  große Mehrheit der Palästinenser hatte für uns   keine Rechte. Unser Ziel bestand darin, ihnen das klar zu machen. Wir wollten ihnen Angst machen, sie sollten wissen: Die Armee ist überall.“

„Wie habt ihr ihnen Angst gemacht?“

„Zum Beispiel durch willkürliche nächtliche Hausdurchsuchungen. Sie sollten merken, dass wir sie jederzeit jagen können, sie sollten sich verfolgt fühlen.“

„Was für ein Menschenbild hattet ihr?“

„Für uns Soldaten waren sie keine gleichwertigen menschlichen Wesen. Sie hatten für uns keine Würde.“

„Werden die Palästinenser aufgeben?“

„Nein, sie werden nicht aufgeben und das Land verlassen. In einem anderen Land als Flüchtlinge  zu leben, würde nichts verbessern.“

„Gibt es Grund, auf bessere Zeiten zu hoffen?“

„Auf jeden Fall!  In  meiner Lebenszeit wird die Besatzung noch enden. Wir stärken mit unserer Gewalt ihren Widerstand – das führt zu nichts. Ganz im Gegenteil: Israel zahlt einen moralischen Preis – unsere Gesellschaft verroht mehr und mehr. Aber hättet ihr geglaubt, dass die Berliner Mauer fällt, dass  Nelson Mandela Präsident von Südafrika wird  und Barack Obama Präsident der USA? Nein, hättet ihr nicht! Aber solche großen Veränderungen geschehen – manchmal über Nacht.“