RECHTE EVANGELIKALE SPALTEN DIE USA

Meinung von Volker Keller, diskutiert gerne mit und sendet Eure Meinung an volker.keller@kirche-bremen.de

Kurz vor der Wahl des neuen Präsidenten im November betete eine evangelikale US-Predigerin im Gottesdienst zu Gott, und Gott habe ihr gesagt, rief sie laut in die Gemeinde hinein, dass Donald Trump wiedergewählt würde — die Kirchenbesucher jubelten. Wenige Tage später war klar: Nichts war‘s mit Wiederwahl. Gott muss sich geirrt haben.
60 Millionen US-Amerikaner gehören fundamentalistischen Freikirchen an, bei der Präsidentenwahl 2016 gaben 81 Prozent Donald Trump ihre Stimme und dieses Mal auch wieder fast alle. Die Evangelikalen lesen die Bibel als Tatsachenbericht: Heißt es, dass die Erde vor 6000 Jahren vom Schöpfer erschaffen wurde, gilt ihnen diese Angabe als unfehlbare naturwissenschaftliche Wahrheit. Geben Wissenschaftler das Alter der Erde mit 4,6 Milliarden Jahren an, lügen sie und täuschen die Bevölkerung—Gott wird sie im Jüngsten Gericht dafür bestrafen. Was für verrückte Leute!
Im vergangenen Jahr habe ich eine strenggläubige Kirche in Maine an der Ostküste besucht. Vor dem Gottesdienst traf man sich zur Bibelstunde. Alle hatten viel Wissen, stellten Fragen zu Glauben und Leben und suchten in der Bibel nach Antworten. Danach gab es Kaffee und Kekse, man kam ins Gespräch und dann fand ein lebendiger Gottesdienst mit Band und freien Reden und Gebeten statt—von Langeweile keine Spur.
Über die Inhalte der evangelikalen Weltsicht, beispielsweise es gebe keinen Klimawandel, kann ich nur den Kopf schütteln, besonders auch über die Verherrlichung Donald Trumps. Er sei der „Erwählte Gottes“, ein „Messias“, der von Gott dazu bestimmt wurde, die Vereinigten Staaten vor der Sünde und der Demokratischen Partei (Präsident Joe Biden ist Demokrat) zu retten. Heute sind die USA so tief gespalten, dass die Anhänger der beiden großen Parteien sich gegenseitig verachten—dazu haben auch die Evangelikalen beigetragen. Im demokratischen New York sagte mir ein Wähler der Demokratischen Partei: „Wenn meine Tochter einen Republikaner heiraten wollte, würde ich sie rauswerfen.“
Als ich in den 1980er Jahren als Theologiestudent ein Praktikum an der deutsch-amerikanischen St. Pauls-Kirche in Manhattan machte, erfuhr ich, dass die Evangelikalen zwar auch politischen Einfluss hätten, aber es gab andere liberale Kirchen, die für einen Ausgleich sorgten. Zum Beispiel die katholische. John F. Kennedy stammte genau wie Joe Biden von katholischen Iren ab. Bei Kennedy waren die Evangelikalen noch erschüttert, der katholische Biden scheint für sie kein Problem mehr zu sein. Dass er aber auf Wissenschaftler hört, ist ein großes Problem. Jedenfalls verschärfen sich die innergesellschaftlichen Konflikte, unterschiedliche „Kampfgruppen“ hören einander nicht mehr zu, ihr Reden wird mehr und mehr ideologisch, absolutistisch. Genau wie in Deutschland.
Wie will man mit Coronaleugnern sprechen? Vor Kurzem wussten die meisten von ihnen noch nichts über Virologie und jetzt spielen sie sich als Experten auf. Oder mit extremen Rechten? Oder extremen Linken? Oder Islamisten? Oder knallharten Geschlechter-Ideologen, die alle anderen auf ihre Sprachregeln verpflichten wollen? Oder mit Vertretern der „politischen Korrektheit“, die an den Universitäten Andersdenkende mundtot machen? Oder mit den Anhängern des Bremer Pastors Latzel? Offenbar schaffen es liberale, individualistische Gesellschaften immer weniger, die Bevölkerung zusammen zu bringen und ein gemeinsames Fundament an Werten, Respekt und Verhaltensweisen herzustellen, also Gemeinsinn zu erzeugen. Jeder scheint sich selbst der Nächste zu sein, Minderheiten überhöhen ihre partikularen Identitäten maßlos und versuchen mit allen Mitteln, ihre Interessen durchzusetzen. Rüder Trumpismus nicht nur in den USA.
Die USA sind unter Trump ein noch wütenderes Land geworden, das sich mehr und mehr bewaffnet. Nun macht Biden einen neuen Anlauf, den Menschen begreiflich zu machen, dass sie nicht zuerst Evangelikale, Katholiken, Linke, Rechte oder sonst etwas sind, sondern Amerikaner. Wie sympathisch!
Nach der Bibel sind alle Menschen „Ebenbilder“ Gottes, ohne Ausnahme teilen wir alle diese Würde. Wir alle tragen Verantwortung für die Schöpfung– darin sind wir alle gleich! Und wir tragen alle gemeinsam Verantwortung für das Gemeinwohl in unserer Gesellschaft.

Eure Meinungen

Uli Schulte, Pastor im Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden:
BUNTES BILD DER EVANGELIKALEN, 21.1.
Darf ich widersprechen? „Die Evangelikalen“ gibt es genau so wenig wie „Die Katholiken“, „Die Protestanten“, „Die Juden“ oder „Die Muslime“. „Evangelical“ heißt ursprünglich im englischen Sprachraum einfach „Evangelisch“. Ins Deutsche übertragen wurde daraus dann seit den 1960er Jahren „Evangelikal“.
Vor gut über 100 Jahren standen die „Evangelicals“ für eine persönliche Jesusbeziehung, für Wertschätzung der Bibel als „Gottes Wort“, für Evangelisation und Mission, für lebendige, christliche Gemeinschaft. „Evangelikale“ waren aber auch sehr fortschrittlich – sie setzten sich ein für soziale Gerechtigkeit, für Menschenrechte, gegen Sklaverei, für die Gleichberechtigung der Frauen und vieles mehr.
In den letzten Jahrzehnten haben Teile der „Evangelicals“ in den USA eine starke Rückwärtsgewandtheit entwickelt. In der Symbiose mit nationalistischen Kräften entstand hier eine gefährliche Mischung. Da kann dann schnell die Bibel für manches herhalten, was keineswegs in der Aussageabsicht ihrer Texte liegt. Aber – was man bei einseitiger Berichterstattung leicht übersehen kann: Es gibt in den USA auch viele progressive „Evangelicals“ in allen Kirchen, ganz besonders in den schwarzen Gemeinden. Sie stehen u.a. für Gerechtigkeit, sozialen Ausgleich, Gleichberechtigung, Umweltschutz, Bildung usw.
In Deutschland bilden „Evangelikale“ (den Terminus gibt es erst seit den 60er Jahren) ein sehr buntes und vielfältiges Bild ab – sowohl in in Landes- als auch in Freikirchen. Es gibt sehr konservative Strömungen, aber auch aufgeschlossene, moderne und zeitgemäße Ausprägungen. Die meisten der „evangelikal“ ausgerichteten Gemeinden sind auch in der „Arbeitsgemeinschaft der Christlichen Kirchen“ (ACK) organisiert und grenzen sich von den extremen, bibelfundamentalistischen Rändern ab. Aber es gibt sie, die „Schwarzen Schafe“ – leider auch bei den Evangelikalen…
„Nach der Bibel sind alle Menschen „Ebenbilder“ Gottes, ohne Ausnahme teilen wir alle diese Würde. Wir alle tragen Verantwortung für die Schöpfung – darin sind wir alle gleich! Und wir tragen alle gemeinsam Verantwortung für das Gemeinwohl in unserer Gesellschaft.“
Diesen Ansatz von Volker Keller teile ich voll und ganz!
Auch wenn es manchmal fast aussichtslos erscheint: Gesprächsbereit zu bleiben, Brücken zu bauen, respektvoll miteinander umzugehen – auch mit Menschen, die nicht unsere Ansichten teilen: Das sollten wir niemals aufgeben!